Zwischen Himmel und Erde – Fortsetzung 2

Mein Katzenbaby zieht ein

Joy erblicke am 09.05.2016 das Licht der Welt. Astrologisch gesehen war sie also ein kleines Stiermädchen. Sie war elf Wochen alt, als ich sie abholen durfte. Am Samstag, den 23.07.2016 besorgte ich mir eine Zugfahrkarte nach Bayreuth und wieder zurück. Vorher hatte ich mir in einem Zoofachgeschäft eine Transporttasche gekauft. Ich hatte mich für eine Grau-Rosane entschieden, die einer Sporttasche anmutete, aber trotzdem stabil für die Beförderung war. Sie sollte auch später für den Gang zum Tierarzt benutzt werden.

Ich war schon sehr aufgeregt als ich am Bahnhof stand und auf den Zug wartete. Würde sie die lange Fahrt gut überstehen? Jetzt machte ich mir Sorgen, ob es nicht besser gewesen wäre noch zu warten bis in meiner näheren Umgebung junge BKH-Katzen zum Kauf angeboten wurden. Ich musste einmal umsteigen, bis ich nach zweieinhalb Stunden in Bayreuth angekommen war. Mein eigentliches Ziel war ein kleiner Ort und lag etwas außerhalb von Bayreuth. Deshalb hatte mir meine Kontaktperson angeboten, mich vom Bahnhof abzuholen. Als ich aus dem Bahnhofsgebäude trat, stand Frau F. schon da und wartete auf mich. Wir hatten uns vorher nur schriftlich ausgetauscht und sie hatte mir jede Woche ein neues Foto von Joy geschickt. Während der Fahrt versuchte ich ein paar Informationen über mein Baby einzuholen, doch die Verständigung war wegen einer Sprachbarriere nicht besonders gut. Frau F. war aber sehr freundlich und war bemüht, sich mit mir zu verständigen.

Wir betraten ein gepflegtes Wohnhaus und Frau F. schloss die Tür auf. Im Wohnzimmer stellte ich die mitgebrachte Katzentasche geöffnet auf den Boden. Ich entdeckte Joy die auf dem Sofa gekringelt lag und schlief. Frau F. erklärte mir, dass es vier Babys waren und eins schon abgeholt worden war. Neugierig schlich die Katzenmama herein und beschnupperte die Tragetasche. Die beiden Brüder von Joy wurden auch lebendig und die Tasche wurde abwechselnd besetzt. Frau F. weckte Joy und brachte sie zu mir. Das erste Mal hatte ich sie auf dem Arm und sie schaute mich mit verträumten Augen an. Ihr Fell war fast weiß und sie war leicht wie eine Feder. Um sie an die Tasche zu gewöhnen lies ich sie auf den Boden und sie tat es den anderen gleich. Sie hüpften und spielten in und um die Tasche herum. Wir ließen sie toben, bis es Zeit für mich wurde zur Rückfahrt aufzubrechen. Ich hatte die Transporttasche mit einer weichen Kuscheldecke und einem Stofftier ausgestattet und hoffte, dass Joy das Zugfahren nicht zu sehr anstrengen würde. Nachdem wir uns versichert hatten, dass im Moment auch das richtige Kätzchen in der Tasche saß, zog ich den Reißverschluss zu.

Wieder am Bahnhof angekommen verabschiedete ich mich von Frau F. und musste versprechen sie noch weiterhin mit Fotos zu versorgen. Bei ihrer kleinen Tochter, die auch die ganze Zeit dabei gewesen war, kullerten Tränchen. So schwer war der Abschied für sie.

Joy schlief während der gesamten Zugfahrt. Ab und zu öffnete ich die obere Klappe und streichelte über ihr Fell. Sie war kein bisschen ängstlich. Nur beim Umsteigen war sie wach und drückte ihr Näschen an das vordere Netz der Tasche. Als andere Fahrgäste den lebenden Inhalt meiner Tasche entdeckten waren sie von der süßen Kleinen hörbar entzückt. Ich war stolz auf sie, weil sie sich so ruhig und brav verhielt. Als wir am Heimatbahnhof ankamen war es schon dunkel und es fing an zu regnen. Ich stieg in ein Taxi und wir fuhren nach Hause.

Daheim hatte ich schon alles für die Ankunft vorbereitet. Ein Bettchen vor dem Heizkörper im Wohnzimmer, ein Futternapf in der Küche, zwei Wasserstellen an verschiedenen Plätzen und die Katzentoilette im Bad. Ich hatte das gleiche Futter besorgt, dass sie schon gewohnt war. Einen Kratzbaum hatte ich auch schon zusammengeschraubt und ihn ans Fenster gestellt. Der große Augenblick war gekommen. Ich stellte die Tasche ins Wohnzimmer und öffnete vorsichtig den Reißverschluss. Sofort streckte Joy neugierig ihren Kopf heraus. Unglaublich schnell hatte sie sich in ihrem neuen Zuhause eingefunden und den Kratzbaum eingenommen. Ich zeigte ihr wo sie ihr Futter fand und auch die Toilette im Bad. Ich dachte, dass sie sich vielleicht sofort erleichtern müsste, weil sie die ganze Fahrt über sauber gewesen war. Doch ich wurde eines Besseren belehrt.

Da kleine Kätzchen ihre Körpertemperatur noch nicht selbst regeln können und ihnen deshalb schnell kalt wird, durfte sie mit zu mir ins Bett. Sie krabbelte unter die Decke und kuschelte sich in meine Kniekuhle. So schliefen wir die nächsten Nächte immer zusammen ein. Zur Eingewöhnung und zur Beobachtung hatte ich ein paar Tage Urlaub genommen. Sie fraß, war munter und aufgeweckt. Doch eine Sache machte mir furchtbare Sorgen. Sie verrichtete kein großes Geschäft. Jeder, der ein Tier besitzt weiß, dass die Konsistenz und der Geruch dieser Ausscheidung viel Aufschluss über den gesundheitlichen Zustand geben kann. Außerdem befürchtete ich einen Darmverschluss. Das kleine Geschäft klappte prima, nur groß wollte sie nicht. Sie hielt es zwei Tage zurück und ich war schon im Begriff einen Tierarzt zu konsultieren. Doch dann endlich…haben Sie sich schon einmal über Kot gefreut?

Am liebsten spielte sie mit mir und der Katzenangel. So nach und nach füllte sich der Spielzeugkorb und ich versuchte sie immer wieder mit etwas Neuem zu beschäftigen. Mein Urlaub ging viel zu schnell vorbei und der Tag, an dem ich sie für längere Zeit alleine lassen musste, rückte näher. Bis jetzt war sie nur für die Zeit, die ich zum Einkaufen oder für andere Termine brauchte alleine. Obwohl Katzen sehr viel schlafen, machte sie mir das Verlassen der Wohnung nicht einfach. Sie folgte mir immer bis zur Tür und schaute mich bittend an: „Nimm mich mit!“, hätte sie gesagt, wenn sie hätte sprechen können. „Ich komme bald wieder. Sei schön brav,“ beruhigte ich selbst jedes Mal mein Gewissen. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Ich hätte sie nicht alleine adoptieren dürfen. Ich hätte noch einen ihrer Brüder nehmen müssen und mir wurde klar, dass ich diesen Fehler korrigieren musste.