Katz und Maus

Dieses Jahr gibt es sehr viele Mäuse, habe ich mir sagen lassen. Ich kann das jedenfalls bestätigen. Auf meiner Terrasse wimmelte es nur so davon. Inzwischen ist es nur noch ein grauer kleiner Pelz, der über meine Terrasse flitzt. Ich habe sie Speedy genannt. Den Mäuseschwund habe ich wahrscheinlich meinem Nachbarn zu verdanken, der die Nager lebend fängt um sie im Wald wieder frei zu lassen. Vor ein paar Wochen traf ich ihn im Hausflur und er berichtete mir von vier auf einen Streich.

Ich denke oft an Joy meine fleißige Jägerin. Sie hätte für Ordnung gesorgt. Oder mir ihre Beute halbtot zum Spielen ins Wohnzimmer gebracht. Auf jeden Fall mussten keine Mausefallen zum Einsatz kommen. Früher, als mein Zuhause noch katzenfrei war, waren die Mäuse von selbst in meine Wohnung marschiert und ich hatte das erst immer bemerkt, wenn ich eine Mutige durch mein Wohnzimmer huschen sah. Dann war ich oft nachts wachgelegen und hatte nach Geräuschen im Schlafzimmer gelauscht. Mich gruselte, wenn ich daran gedacht hatte, eine Maus könnte während ich schlief über meine Bettdecke hüpfen. Aber ich denke mit Grauen zurück, als ich versucht hatte, einen Nager mit einer Schnappfalle zu erledigen. Nicht dass es nicht geklappt hätte, als ich den Käse in das mörderische Holzbrettchen drapiert hatte. Doch in dieser Nacht war ich hochgeschreckt, als ich vor meiner Terrassentür das Zuschnappen der Falle gehört hatte. Am nächsten Morgen war die Maus mit dem Drahtbügel um den Hals und mit herausgequollenen Augen dagelegen. Diesen Anblick werde ich nie vergessen. Ich hatte mich wie eine Mörderin gefühlt, die das arme Wesen einem Todeskampf ausgesetzt hatte. Mit zwei Fingern hatte ich den Leichnam samt Todesfalle im Müllcontainer entsorgt. „Nie wieder,“ hatte ich dabei gedacht.

Dank meinem Wohnungskater Charly habe ich keine Furcht, dass eine Maus probieren würde sich in meiner Wohnung ein Winterquartier zu suchen. Er würde mir sofort melden, wenn sich tatsächlich eine trauen würde hereinzukommen. Er ist zwar nicht der Schnellste, aber das wissen die Mäuse ja nicht. Sein stattliches, angsteinflößendes Auftreten hat noch jede in die Flucht geschlagen. Bis auf Speedy.

Vor kurzem habe ich mir einen zylinderförmigen Meisenknödelhalter gekauft in den drei Knödel passen. Den habe ich an einem Zweig in meiner Hecke aufgehängt. Vom Fenster aus kann ich so gut das Treiben der Futtersuchenden beobachten. Es scheint eine Rangordnung zu geben, wer sich wann daran laben darf. Zuerst kommt eine Schar Spatzen und danach die Meisen. Das einsame Rotkehlchen hat nur eine Chance, wenn die Futterstation gerade nicht von Andersartigen besetzt ist. Ich war sehr überrascht, als ich vor ein paar Tagen auch Mäuse im Zylinder sitzen sah. Ich glaubte zuerst meinen Augen nicht trauen zu können, doch seitdem haben auch sie einen festen Platz in der Tagesordnung. Eine Freundin bestätigte mir, dass auch Mäusen Vogelfutter schmeckt.

Inzwischen sehe ich nur noch Speedy über meine Terrasse fetzen und an den Knödeln nagen. Wo die anderen abgeblieben sind, weiß vielleicht der Nachbar, denn mit Charly hat das sicher nichts zu tun. Vor dem breiten Katzengesicht hinter der Fensterscheibe fürchten sich weder Flatterer noch Kriecher. Zu Charlys größter Freude gehört das Spiel mit mir und der neuen Katzenangel. Kaum bin ich zu Hause, werde ich auch schon aufgefordert den Stab in die Hand zu nehmen und damit herumzufuchteln. Sobald das Fellteilchen mit dem Lederschwänzchen vor seiner Nase herumhüpft ist er begeistert. Stundenlang könnte er mir dabei zusehen.

Lebende Objekte hingegen betrachtet Charly mit vorsichtiger Neugierde. Wenn ich die Terrassentüre öffne, nutzt er das um frische Luft zu schnappen und draußen herumzuschnuppern. Die Fährte von Speedy aufzunehmen und nachzuprüfen wo sie sich überall aufgehalten hat. Doch was sah ich da? Ich musste lachen. Speedy saß mit großen Glubschaugen zwischen den Blumentöpfen und beobachtete Charly, der sie inzwischen auch bemerkte. Aufrecht in ausreichendem Abstand sitzend blickte Charly zu ihr. Auge in Auge ohne sich zu bewegen starrten sich die Beiden an. Ich wartete, dass Charly zum Sprung ansetzt…doch nichts passierte. Ich holte mein Phone um dieses Szenario zu filmen. Selbst als ich die Terrasse betrat, verharrten beide in Stockstarre. Als ich Speedy dann doch zu nahekam, schlüpfte sie rasch zwischen den Blumentöpfen hindurch in Sicherheit. Charly bewegte sich nun auch, aber in Richtung Wohnzimmer. Die forsche Maus muss ihm nicht ganz geheuer vorgekommen sein, denn am nächsten Tag beim Lüften ging Charly nicht nach draußen. Er bevorzugte es, sich die frische Luft an der Türschwelle einzuverleiben.

Seit diesem Tag sehe ich Speedy täglich zwischen den Blumentöpfen sitzen und ich habe das Gefühl, dass sie mich durch die Glasscheibe beobachtet wie ich durchs Wohnzimmer laufe, oder auf dem Sofa sitze. Dann blickt sie mir direkt in die Augen. Wahrscheinlich versucht sie herauszufinden, ob sie den Weg quer über die Terrasse zum Meisenknödel gefahrlos bewältigen kann. Inzwischen ist sie zutraulicher geworden. Sie versteckt sich nicht sofort, wenn sie mich sieht und ich schaue ihr gerne zu wie sie herumflitzt oder sich putzt. Sie ist richtig drollig. Gestern habe ich ihr ein Stück Zwieback hingelegt, den sie sich kurz darauf geschnappt hat. Doch als sich Charly neben die weiteren von mir ausgelegten Bröckchen setzte, hat sie sich nicht mehr blickenlassen.

Heute Morgen waren sie immer noch dagelegen und als ich von der Arbeit heim kam sah ich sie auch noch liegen. Plötzlich sprang eine schlanke, junge Glückskatze durch die Hecke direkt in den Pflanzentrog neben den Blumentöpfen bei Speedys Versteck. Mir war klar, dass nun eine Andere Joys Arbeit übernommen hat und die Natur wohl seinen Lauf nahm.